Jose auf der Palme

Was bringt José auf die Palme – und was das mit Nachhaltigkeit zu tun hat

Wie die Evangelische Landjugend und ihre brasilianischen Partner einen besonderen Perspektivwechsel ermöglichen

Wir treffen José an einem warmen April-Tag in einem unwegsamen Stück Wald, als er uns sein “Business” zeigen möchte. Er steigt mit selbstgebauten Steigeisen den hohen, glatten Stamm einer Juçara-Palme hinauf, um ihre Früchte zu ernten.

Daraus gewinnt er Fruchtmark, mit dem er das in Brasilien beliebte Acai-Eis herstellt. Er ist Mitglied der Siedlung „Quedas de Iguacu“ der Landlosenbewegung MST auf dem Gebiet einer 1.500 Hektar großen ehemaligen Pinien-Plantage in Brasilien. Mit Hilfe dieser Geschäftsidee gelingt es ihm, für sich und seine Familie zu sorgen.

“Wir”, das ist eine Reisegruppe der Evangelischen Landjugend, die 2023 die Partnerorganisation der ELJ, das Centro de Apoio e Promoção da Agroecologia (CAPA), in Brasilien besucht hat. Die ELJ pflegt seit vielen Jahren eine Partnerschaft mit der CAPA, einer Agrarberatung für Kleinbauern, Indigene und Landlose in Brasilien. Bei den wechselseitigen Begegnungen und Besuchen der beiden Land-Organisationen haben Jugendliche eine besondere Gelegenheit zu einem Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand.

AME in Brasilien - Hier zu Besuch bei Kleinbauern auf einer Bananenplantage

Wir erleben während unseres Aufenthaltes hautnah, worüber heute in der aktuellen Diskussion um das sogenannte Mercosur-Abkommen gestritten wird: Die Landwirtschaft in Brasilien ist extrem polarisiert. 85 % der brasilianischen Bauern besitzen 5 % der Ackerflächen, während 5 % der brasilianischen Landwirte 85 % der Flächen gehören – mit Betriebsgrößen von mehreren 100.000 Hektar Land. Letztere produzieren unter massivem Einsatz von Pestiziden für den Weltmarkt und machen Brasilien zum Spitzenreiter beim Export u.a. von Soja, Mais, Weizen und Fleisch. Mit dem Mercosur-Abkommen soll der Handel u.a. mit Agrarprodukten zwischen Südamerika und Europa durch den Abbau von Handelshindernissen ausgebaut und gefördert werden.

CAPA unterstützt die kleinen Bauern, die von diesem “Kuchen” nichts abbekommen, und berät sie in ökologischer Landwirtschaft. So können Familien auf dem Land ohne teure Zukäufe von Agrarchemie und –technik sich auch mit wenig Land eine Existenz aufbauen. So werden Landflucht und das Abrutschen in die Armut verhindert.

Die Teilnehmenden der Jugendbegegnungen von ELJ und CAPA erfahren viel über die komplexen Zusammenhänge des weltweiten (Land-)Wirtschaftens, setzen sich intensiv mit den Fragen zur nachhaltigen Produktion von Lebensmitteln auseinander und bekommen einen authentischen Einblick in die Lebenswirklichkeit ihrer Partner auf dem Land und in der Stadt.

Mit vielen eindrucksvollen Erlebnissen im Gepäck treten wir die Heimreise an.

„Ich bin begeistert von dem Engagement unserer Partner. Bei unserem Besuch konnten wir uns selbst ein Bild davon machen, wie wirkungsvoll diese Arbeit ist!“, erzählt AME-Mitglied Christina Sandmann.

„Für mich ist das Projekt eine Möglichkeit, Brasilien und seine Menschen aus einem anderen Blickwinkel und weit ab von Tourismuszentren kennenzulernen.“, Christoph Bichelmeir.

Der entwicklungspolitische Arbeitskreis, AME (Alternativen miteinander Entwickeln) der ELJ bereitet sich zur Zeit auf die nächste Jugendbegegnung mit ihren Partnern von der CAPA vor. Dabei steht neben vielfältigen Exkursionen und Gesprächen mit Fachleuten als Planspiel die Gründung einer Genossenschaft zur Vermarktung von Produkten aus regionaler Landwirtschaft im Mittelpunkt. Das soll den teilnehmenden Jugendlichen die Möglichkeit bieten, sich lebensnah und praxisorientiert mit der Frage auseinandersetzen, wie Lebensmittel nachhaltig produziert und vermarktet werden können.

Der agrarsoziale Arbeitskreis (ASA) der ELJ hat eine Stellungnahme erarbeitet, die sich kritisch mit dem Mercosur-Freihandels-Abkommen auseinandersetzt und die die Bedeutung fairer, nachhaltiger Produktionsketten betont.

Auch die jährliche Aktion „Brot statt Böller“ zeigt, wie entwicklungspolitisches Engagement im Kleinen beginnen kann: Statt Feuerwerk zu verballern, ruft die ELJ zum Jahreswechsel auf, für die Projekte ihrer Partnerorganisationen zu spenden – sicher, direkt und wirksam.

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